Der Wirt und der Wart

Draußen an der Hauswand ist mit rostigen Nägeln ein altes Schild angebracht. Gleich neben Haustür, über dem frisch installierten Klingelboard. Die Schrift ist kaum noch zu lesen, man kann den Text nur erahnen. Handgemalt, in alter Pinselschrift steht dort vermutlich: Das Unterstellen von Fahrrädern in den Hausfluren ist streng untersagt. Der Wirt

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Wirt, das muss wohl der Hauswirt gewesen sein, damals. Wann auch immer das gewesen sein mag. Einen Wirt gibt es hier heute nicht mehr, jetzt gibt es eine Hausordnung. Und einen Wart, einen Hauswart. Der Mann ist für die gesamte Ecke hier zuständig, fünf Häuser, rund um den Block. Da gibt es einiges zu tun.

Dein Blockwart von Hausmeister lässt mich nicht an die Mülltonnen, sagte mir der Handwerker, der auf mein Geheiß meinen Küchenboden abschliff. Das war noch vor meinem Einzug, da hatte ich den Wart noch nicht einmal gesehen. Der Holzschliff wurde dennoch artig auf dem Balkon zwischengelagert. Und anschließend in mehreren nächtlichen Aktionen heimlich in die Mülltonnen verbracht. Außerdem hatte ich damit einen ersten Eindruck vom klassischen Berliner Hauswartswesen gewonnen, zu dem es bekanntlich viel zu sagen gibt.

Mein Wart ist Türke, bezeichnet sich aber als Deutsch. Als türkischen Deutschen. Das passt, das ist Neukölln. Tatsächlich widmet er sich besonders gern der Müllbewältigung. Ständig informiert er alle Mieter dahingehend, dass die vollen Müllsäcke nicht zuzuknoten seien. Warum auch immer. Dauernd rennt er mit einem Spaten durch den Hinterhof. Mit dem hackt er dann in die Mülltonnen, um deren Inhalt zu komprimieren. Sicher ist das wichtig. Und eine unschöne Arbeit noch dazu. Einmal hat mein deutschtürkischer Wart mich sogar gebeten, meinen Papiermüll eventuell vorübergehend in meinem Keller zu lagern. Damit der in ein paar Tagen zu erwartenden Weihnachtspackpapierberg noch irgendwie von ihm untergebracht werden könnte. Das habe ich aber abgelehnt.

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Das mit den Fahrrädern steht heute übrigens in der Hausordnung. Natürlich hält sich niemand daran. Direkt vor meiner Wohnungstür steht ein Rad und ein Roller. Mein eigenes hängt aber in der Küche, aus Sicherheitsgründen. Von wenigstens vier Diebstählen habe ich in letzter Zeit gehört. Neukölln eben. Darum kümmert sich der Wart natürlich nicht.

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