Krawalle in Friedrichshain und Neukölln

Während in Berlin gestern endlich flächendeckend der erste Schnee gefallen und auch liegen geblieben ist und ich das winterliche Geschehen, wie andere sicher auch, wochenendgemütlich aus der warmen Wohnung heraus beobachte, sah die Nacht in Friedrichshain und Neukölln für viele offensichtlich deutlich anders aus. Die Berliner Zeitung schreibt von schweren Krawallen, die ziemlich genau ein Jahr nach der Räumung der Liebigstraße 14 dort ihren Ausgang nahmen. Dabei sollen Scheiben eingeschlagen und Mülltonnen umgeworfen worden sein, außerdem kam es zu den in Berlin beinah üblichen „Scharmützeln“ zwischen Linken und Polizei. 70 Festnahmen sind in dem Zusammenhang zu verzeichnen und 30 verletzte Beamte.

Als die Polizei eintraf, wurde sie nach eigener Darstellung massiv mit Steinen und Flaschen beworfen. Bis in den frühen Morgen lieferten sich „Liebig 14“-Sympathisanten und Polizisten ein Katz-und Maus-Spiel in Friedrichshain. Dabei gingen unter anderem die Fensterscheiben von mehreren Banken zu Bruch. Auch ein VW-Transporter wurde auf einem Parkplatz in der Rigaer Straße in Brand gesetzt. Zudem gingen mehrere Mülltonnen und Toilettenhäuschen in Flammen auf.

Die Polizei stürmte auch ein Haus in der Rigaer Straße 94, in dem sich ein linkes Wohnprojekt und ein Lokal befinden. Dorthin hatten sich zahlreiche Randalierer immer wieder zurückgezogen. (Quelle: Berliner Zeitung)

Auch eine Demo am Samstagnachmittag in Neukölln zum Thema Polizeigewalt und gegen einen hier stattfindenden Polizeikongress sowie eine von Sicherheitsbehörden und der Rüstungsbranche in Berlin Sicherheitskonferenz (International Urban Operations Conference)  zeichnete sich offensichtlich nicht gerade durch Gewaltfreiheit aus. Die Rede ist von Tritten und Steinwürfen auf Polizisten und zersplitterten Schaufensterscheiben am Reuterplatz.

Schon von Anfang an waren aus dem rund 1000 Teilnehmer starken Aufzug heraus, der auf dem Herrfurthplatz startete, Glasflaschen, Böller und Steine auf Polizeibeamte geworfen worden. In der Weserstraße wurde der Verbindungsbeamte der Polizei, der die Aufgabe hat, den Kontakt zwischen dem Versammlungsleiter und dem Leiter des Polizeieinsatzes zu halten, mit einem Tritt in den Rücken zu Fall gebracht und verletzt. Auch Verkehrspolizisten wurden angegriffen. Alle diese Beamten sind im Gegensatz zu geschlossenen Einheiten nicht durch Helm , Schutzweste und Schienen geschützt. Nachdem die Versammlung gegen17.30 Uhr am Reuterplatz die Demo überraschend beendete, begannen ehemalige Demonstrationsteilnehmer zu randalieren: Unter anderem wurden Schaufenster zerstört und die Auslagen geplündert. (Quelle: Berliner Zeitung)

Soviel zu den offiziellen Verlautbarungen bei solchen Vorkommnissen, die mir persönlich immer wieder völlig unsinnig vorkommen. Also die Meldungen fast ebenso wie die darin geschilderten Ereignissen. Gewalt welcher Art auch immer ist mir suspekt, aber es steckt ja auch immer viel mehr dahinter. Wie zum Beispiel eine weitere Stimme belegt, die sich bereits vor ein paar Tagen in der Jungle World zu Wort meldete:

Ihr ruft die »lebendigen Toten« zu einer Parade auf. Wer darf sich davon angesprochen fühlen?

Aufgerufen sind alle, die sich nicht zu Hause fühlen in einer durchkapitalisierten Stadt, die unzufrieden sind mit Miete, Lohnarbeit und kultureller Normierung. Schlecht bezahlte Lohnarbeit für absurd teure Mieten in normierten Wohneinheiten – das ist die Zombifizierung der Stadt. Aber Zombies können, wenn sie in Massen auftreten, diesen Alltag auch gründlich auf den Kopf stellen. Man kennt das ja aus Filmen.

Das Hauskollektiv bleibt also auch ohne Haus aktiv. Gibt es noch Aktivitäten im Bezug auf euer altes Haus oder geht es nur noch allgemein um Gentrifizierung?

Die Räumung war mit vielen Gerichtsverfahren verbunden, die uns noch eine Weile beschäftigten. Immerhin kam bei einem dieser Verfahren heraus, dass die ganze Räumung so nicht legal war – ein Treppenwitz sozusagen. Bei der Parade geht es nun in erster Linie darum, andere Hausprojekte und Mieter in einer vergleichbaren Situation zu unterstützen und der Gegenseite zu zeigen: Eine Räumung ist kein Ende mit Schrecken – mit einer Räumung ist es nicht vorbei, der Stress wird niemals aufhören. Und wir wollen immer noch ein Ersatzobjekt! (Quelle: Jungle World)

Das sollte man vielleicht nicht vergessen. Es gibt Gründe für die Wut und Unzufriedenheit, die sich auf die Art Luft macht. Armut und Gentrifizierung, überhaupt, die zunehmende Ausrichtung allen Lebens auf Effizienz. Nicht nur in Berlin.

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