Gentrifizierung in Berlin ist Alltag

Gestern bin ich Mitglied in einem Verein geworden. Das ist etwas, was ich nicht unbedingt einfach so mal mache. Eher im Gegenteil, Vereinsmeierei ist mir wesensfremd. Aber in diesem Fall war es wohl angebracht: Ich bin Mitglied der Berliner MieterGemeinschaft e. V. geworden.

Gentrifizierung ist ein Wort, das mir vor sieben oder acht Jahren noch ziemlich unbekannt war. Und das, obwohl ich von dem Geschehen bereits im Architekturstudium Mitte der 80er Jahre gehört hatte. Damals ging es um die Londoner Docklands, wenn ich mich recht erinnere. Die sind inzwischen sauber durchgestaltet, und das ist ja alles auch überhaupt nicht hässlich. Architektonisch betrachtet ist es zum Teil sogar sehr attraktiv. Diesbezüglich möchte ich tatsächlich fast ein wenig zwiespältig bleiben. Aber es geht im Grunde ja gar nicht um Architektur. Es geht um Leben und Lebensraum, und das schließt einander mitunter aus. Das sollte nicht so sein, Architektur sollte doch Lebensraum schaffen. Möchte man meinen. Häufig ist es aber gerade nicht so.

In Berlin, 2004 kam ich hier an, bin ich dann schnell ganz konkret mit diesem Wort – Gentrifizierung – recht vertraut geworden. In Mitte und Prenzlauer Berg waren die Resultate damals schon kaum zu übersehen, blassgelbe Fassaden mit postmodern angetackerten Fertigbalkonen, alles hübsch ordentlich gemacht. Architektur? Naja…  In Friedrichshain geht es auch heute noch ein wenig wilder und ungestümer zu, aber wer weiß wie lange noch. Hier bei mir in Neukölln war ein paar Jahre alles ruhig und öde, kein Aufwind in Sicht. Selbst als nach zwei Jahren die ersten Stimmen laut wurden, die die Weserstraße als eine aufkommende Simon-Dach-Straße sahen, habe ich leicht amüsiert gelacht. Dieses kleine Weserstraßending? Niemals.

Nun ja, was soll ich sagen? Ich gebe zu,  ich habe mich massiv geirrt. Zwar ist die Simon-Dach-Straße mit ihrem massiven Touristenzustrom immer noch ein ganz anderes Kaliber, und ich hoffe sehr, dass es hier nie so wird. Doch das nun quasi unmittelbar vor meiner Haustür erreichbare Kaffee-, Kuchen- und Suppenangebot weiß ich zu schätzen, sehr sogar. ber auch andere Aspekte treten mehr und mehr zutage. Als ich in dieses Haus zog, stand dieses beinah zur Hälfte leer und das blieb auch so, ein paar Jahre lang. Davon kann keine Rede mehr sein, manchmal kommen Leute vorbei und checken die Klingelschilder, weil sie nach freien Wohnungen suchen. Investiert wurde auch, das ehemals graue Haus ist nun lachsorange gestrichen, auf dem Dach wurden Sonnenkollektoren angebracht und die Heizungsanlage computerisiert. Das Treppenhaus allerdings ist leicht marode wie eh und je, und der Dachraum wird nicht als Trockenboden freigegeben, wohl aus Angst vor Müll. Schade, aber schon auch verständlich.

Vor ein paar Tagen kam jetzt die Mieterhöhung ins Haus, im Grunde ja schon fast erwartet. Satte 20%, da musste ich schon schlucken. 20% scheint mir ein bisschen viel, einfach so, auf einen Batzen. Obwohl Andrej Holm es schon Mitte 2011 auf den Punkt gebracht hat, bei ihm ist sogar von 23% Mietsteigerung in Neukölln die Rede. Außerdem erklärt er, warum die Mieten steigen:

Mietsteigerungen und Verdrängungsprozesse sind – so mein Argument – kein natürlicher Effekt der Stadtentwicklung, sondern unmittelbarer Ausdruck von politischen Entscheidungen und ökonomischen Interessen. Das klingt wie ein Allgemeinplatz (“Wussten wir doch alles schon”) formuliert aber einen Anspruch, der in den wohnungspolitischen Debatten nur selten eingelöst wird. Wer nicht nur teuren Mieten in der Innenstadt haben will, wird sich vor allem mit der Stadtpolitik und der Wohnungswirtschaft auseinandersetzen müssen.
(Quelle: Gentrifizierungblog)

Aber ein spontanes Schluckgefühl und der reine Anschein helfen ja in so einem Fall nicht weiter. Das wird nun geprüft, um entsprechend reagieren zu können. Immerhin darf bzw. muss ja der Mieter der Mieterhöhung zustimmen. Deshalb die Sache mit dem oben genannten Verein. Die Berliner MieterGemeinschaft ist eine gute Sache, um Mietangelegenheiten fundiert auf den Grund gehen zu können. Ein paar Haken habe ich schon bei der Lektüre der Broschüre zum Berliner Mietspiegel 2011 entdeckt, und demnächst geht’s dann zur Beratung für eine nähere Abklärung. Rechtsschutz ist in der Mitgliedschaft übrigens enthalten. Eine prima Sache also, selbst wenn man selbst nur einmal im Jahr die Betriebskostenabrechnung prüfen sollte. Es gibt ja noch viele andere Mieter in Berlin, deren Ärger vielleicht noch größer ist.

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2 Kommentare

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