Frühling, die Radrudel sind los

Wenn ein Kiez sich zu verändern beginnt, dann gibt es viele Zeichen und Bilder dafür. Zum Beispiel die Straßenkunst , die Bilder an den Wänden, die groben Sprüche ebenso wie die kleinen Kunstwerke. Friedrichshain ist bekannt dafür, aber Neukölln hat mächtig aufgeholt in den letzten Jahren. Das kann ich bezeugen. Außerdem habe ich festgestellt, dass sich die Veränderungen im Stadtteil sehr gut auch am durchschnittlichen Fahrradaufkommen messen lassen. Dabei geht es nicht nur um Fahrräder in Aktion, sondern vor allem auch um parkende Räder. Früher standen die hier sehr viel seltener herum, ganz anders als in Friedrichshain. Dort ist es ja seit jeher voll von davon, an jedem Verkehrsschildpfosten, an allen Geländern und an jeder Straßenlaterne sammeln sich unmotorisierte Zweiräder in Rudeln und stehen im Weg.

Ungefähr jedes zehnte Rad, so schätze ich, verharrt dabei lange und geduldig an seinem Platz, weil es offensichtlich allein dort zurückgelassen wurde, quasi ausgesetzt, verstoßen. So widmet es tagtäglich sich hingebungsvoll seinem stillen Verfall, was sonst könnte es tun? Unten vor meiner Tür spielt sich gerade ein solches Trauerspiel ab. Ein zwar altes, aber eigentlich recht schickes, liebevoll rosa gestrichenes Rad zerfällt Stück für Stück in seine Einzelteile. Erst ging ihm die Luft aus, dann verschwanden über Nacht Klingel und Sattel. Seit gestern steht es ohne Hinterrad da, die rostige Kette krümmt sich elend zu Boden. Bis zum Exitus wird es aber wohl noch dauern, man kennt das. Berliner Fahrradseelen sind hartnäckig und klammern sich voller Hoffnung bis zum letzten an ihren Pfosten. Vielleicht sollte ich schnell noch den Seitenständer abschrauben, der ist noch da und eigentlich ganz schön. Aber ich trau mich nicht, das wäre schließlich fast so etwas wie Leichenfledderei.

Das Bild oben ist ein Herbstbild, ich gebe es zu. Und inzwischen ist Frühling, die Radrudel sind wieder unterwegs. Es kommt also Bewegung in die angeketteten Seelen. Wobei sie ja eigentlich gar nicht so recht zur Ruhe gekommen sind in diesem Jahr. Der Winter ist, in Berlin zumindest,  so gut wie ausgefallen, deshalb waren auch die Räder fast durchgehend in Betrieb. Das hat aber der Berliner Senat nicht mitgekommen und eröffnet die Saison mit einer Info-Kampagne. Na dann kann’s ja losgehen, mit Rücksicht und Sicherheit.

Und bitte, das meine ich ernst. Also: Fahrradlicht nicht vergessen und Schulterblick üben. Dazu ist es nie zu spät. Danke!

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