Tante Fatma und die Kopftuchoma

Gestern Abend steht sie plötzlich vor meiner Wohnungstür, zeigt auf sich und sagt: Tante Fatma. Sie trägt dunkle Kleider, einen langen Mantel und ein Kopftuch natürlich. Schwarze Lederschuhe, in den Händen ein Stoffbeutel. Sie ist alt und klein und lacht mich an. Ein wenig zweifelnd, verzweifelt vielleicht.

Sie erinnert mich an meine Oma in ihren ewigen Kittelschürzen. Die hat auch manchmal Kopftuch getragen, klassisch unter dem Kinn geknotet. Sogar ich, als Kind, bin von dieser Mode nicht verschont geblieben. Wie ich heute auf alten Fotos sehen kann, zu meinem großen Schrecken. Irgendwann kamen die ersten Türken mit ihren weiten Röcken, Pluderhosen und Kopftüchern in die Nachbarschaft. Dann starb mein Opa. Anschließend ist meine Oma schleunigst dort weggezogen. Wenn sie nicht noch Schlimmeres getan hat, vor lauter Angst.

Inzwischen ist meine Oma schon lange tot. Und vor der meiner Tür steht Tante Fatma, die damals vielleicht die Nachbarin gewesen sein könnte. Jung und verängstigt, allein, in einem fremden Land. Eine, vor der meine Oma geflüchtet ist. Ich verstehe nicht, was Tante Fatma von mir will, obwohl sie mir immer wieder ein paar Brocken Deutsch vor die Füße wirft. Nach einer Weile erkenne ich das. Sie sucht jemanden, das wird schließlich klar. Sie will jemanden besuchen. Kinder! Deshalb nennt sie sich auch Tante, auch mir gegenüber.

Ich versuche, ihr zu sagen, wo die beiden türkischen Familien im Haus wohnen. Eine ganz unten rechts, die andere irgendwo über mir. Tante Fatma versteh mich nicht, habe ich den Eindruck. Ich muss sie weitersuchen lassen, obwohl ich mehrfach nach unten und dann wieder nach oben deute. Und anschließend mit den Schultern zucke.

Alles nicht so einfach. Ohne Worte, in der Fremde. Immer noch.

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