Silvestereinsatz in Schönfließ

Acht Schüsse – also alles, was möglich war – hat ein 34-jähriger Polizist in der Silvesternacht auf einen unbewaffneten, in einem Auto sitzenden Straftäter abgegeben. Und ihn so gleich mit der ersten Kugel getötet. Eine Katastrophe.

Mehr und mehr entsetzt verfolge ich seither die Berichterstattung und Kommentare zu diesem Geschehen. Zunächst wurde die Polizei entlastet, da es sich bei dem tödlichen Treffer um einen Querschläger gehandelt haben soll. Anschließend folgten Spekulationen, ob nicht der Schütze das Opfer gekannt und aus Eifersucht geschossen haben könnte. Dieses wurde bald darauf schleunigst verworfen. Dafür brachte die weitere Untersuchung insgesamt acht gezielte Schüsse ans Licht, und der betreffende Beamte wurde verhaftet. Das neueste sind nun Ermittlungen gegen zwei weitere anwesende Beamte und zwar wegen des Verdachts auf Strafvereitelung im Amt. Eine Katastrophe.

Der tote Dennis wurde inzwischen begraben, und ein wütender Trauermarsch zog im Anschluß durch Neukölln. Noch ist unklar, ob gegen den Täter Anklage wegen Totschlag oder möglicherweise sogar wegen Mord erhoben wird. Der Beamte sitzt jedoch nicht in Haft. Er befindet gegen Meldeauflagen auf freiem Fuß und ist dabei selbstverständlich vom Dienst suspendiert. Juristisch vermutlich ein gängiger Vorgang. Und beinah verständlich, wenn man weiß, daß ehemalige Polizisten im Knast auf der untersten Stufe stehen. Als frühere Gegner aller anderen einsitzenden „Knackis“ bilden sie dort eine willkommende Zielscheibe.

Dennoch ist für die Angehörigen des Opfers gerade das eine Katastrophe. Immer wieder werden Vermutungen geäußert, daß es entgegen aller Verlautbarungen unter Polizisten und Justizbeamten nach wie vor einen mächtigen Korpsgeist gibt. Ein Ring von Hinweisen, Absprachen und Lügen, mit dessen Hilfe das einzelne Mitglied abgeschirmt und geschützt werden kann. Sogar der Vorwurf, die ganze Aktion sein von vornherein abgesprochen gewesen, steht im Raum. Die intensive Untersuchung der Tat spricht zwar deutlich dagegen, zum Glück. Doch der Schaden, den die Berliner Polizei – und möglicherweise die Polizei überhaupt – durch diesen Vorfall genommen hat, ist groß. Und daß in diesem Zusammenhang vielfach von Image gesprochen wird, ist nahezu absurd.

Weitere Entwicklungen in der Sache bleiben abzuwarten. Tagtäglich können neue, erschreckende Meldungen veröffentlicht werden, zusätzlich werden Vorwürfe und auch Spekulationen folgen. Davon ist auszugehen.

Unter anderem stellt sich die Frage, ob es sich bei diesem Einsatz um einen katastrophalen Einzelfall handelt. Wobei natürlich davon auszugehen ist, daß sich dieser extreme Fall von Machtmißbrauch nicht generalisieren läßt. Aber darüber hinaus gedacht, weit unterhalb dieser Schwelle: Wer weiß, was sonst alles möglich und möglicherweise üblich ist?

Ich zumindest erwische mich dabei, wie ich diesen jungen Leuten in Uniform vermehrt auf das klobige Metallding schaue, das sie an der Hüfte hängen haben. Und dann ins Gesicht, und mich frage, ob sie gut ausgesucht und gut ausgebildet sind. Ob sie wissen, was es bedeutet, ein Gewaltmonopol innezuhaben?

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