Menschen im öffentlichen Nahverkehr

Jedes Jahr, immer ungefähr um diese Zeit, beginnt für mich die winterliche U- und S-Bahn Saison. Manchmal fahre ich sogar mit dem Bus, was ein ganz besonderes Sardinenerlebnis ist. Ich gebe zu, früher war ich härter im Nehmen. Da bin ich auch im Winter auf zwei Rädern unterwegs gewesen. Ich erinnere mich an gefrorene Sitzbänke, hart wie Backstein. Und an eingefrorene Stoßdämpfer, auch keine Freunde. Beides zusammen ist natürlich besonders apart. Inzwischen bin ich alt und entwickle mich zur Memme. Ich kaufe Monatskarten, tatsächlich. (Die für Dezember übrigens mit S-Bahn Ermäßigung wegen der anhaltenden Unannehmlichkeiten dort. Ich weiß nicht genau, wer das alles bekommt, aber ich  zumindest kam in den Genuss.)

In jedem Jahr bin ich aufs Neue überrascht, beinah erschrocken, obwohl ich es langsam wissen sollte. Diese Unmengen von Menschen, die hetzen oder schleichen, die warten oder suchen, die schlafen oder telefonieren. Lauthals. Menschen schreien, hemmungslos, andere lallen oder singen. Neulich hat einer geschnarcht, mittags um halb eins. Eine halbleere Bierflasche fest in der Hand. Ohrstöpsel scheppern meistens eine scheußliche Mucke in die unfreiwillige Runde. Dazu die vielen Musiker, die von Wagon zu Wagon ziehen. Immer wieder dieselben Figuren, die ihre Instrumente nicht wirklich beherrschen. Fürchterliche Intrumente mitunter. Besonders viele Akkordeonspieler in diesem Jahr, das finde ich aus persönlichen Gründen absolut grausam. Sicher fünf Jahre habe ich mich auf diesem Instrument gequält, für nichts und wieder nichts. Etwas anderes war aber nicht im Angebot. Die Musiker kümmert das natürlich nicht. Ebensowenig die Menschenmassen um mich herum, die aber ganz sicher auch nicht hinhören. Die lesen nur oder spielen mit ihrem Handy. Oder starren ratlos auf das Berliner Fenster. Genau wie ich. Alle sind sie für sich, irgendwie. Allein.

Wirklich furchtbar sind die Weinenden. Vielleicht muss das so sein, bei diesen Massen, dass da immer wieder mal eine dabei ist. Meistens sind es ja Frauen. Ich hatte schon zwei, allein im November. Dabei war ich die Häfte der Zeit noch mit dem Motorrad unterwegs. Die eine stand ganz still in der S-Bahn, gleich bei der Tür, und sah vorsorglich nach draußen. Die zweite lief gestern Nachmittag schluchzend über den Bahnsteig, das Telefon am Ohr und beide Hände vor dem Gesicht.

Diesen Artikel teilen:

Ein Kommentar

  1. Der U-Bahnsteig ist ein Spiegel des Lebens.


Hinweis: Links zu kommerziellen Seiten werden gelöscht. Auch "Testseiten", sogenannte "Ratgeber" und andere reine MFA-Seiten (=gemacht für Anzeigen) fallen darunter.