Modersohn-Magazin.de


Modersohn-Magazin
Start  -  Dieses Blog  -  Inhalt  -  Marktplatz  -  Archiv  -  Impressum/Kontakt  -  Datenschutz

Claudia Klinger am 22. Juni 2015

Berlin: Mindestlohn macht Taxis teurer, Fahrer bekommen weniger Geld und mehr Langeweile

Gestern fragte ich einen Taxi-Fahrer nach der anstehenden Taxipreis-Erhöhung, von der man immer wieder hört. Und ja: ab 1.Juli wird es sie in Berlin geben. Eine Strecke, die bisher 10 Euro kostete, werde dann 11 Euro kosten. Der Fahrer konnte das nur so ungefähr schätzen, in verschiedenen Medien war gar von 20 bis 30% die Rede. Was er darüber hinaus erzählte, fand ich dann aber doch spannend und berichtenswert!

Die Mehrkosten, die angeblich „durch den Mindestlohn“ anfallen, sind nicht wirklich dafür da, die Fahrer besser zu entlohnen! Ganz im Gegenteil werden sie alle erhebliche Einbußen hinnehmen müssen. Wer bisher 50% vom Umsatz (VOR Abgaben und Steuern!) eingenommen hat, wird nun mit max. 8,50 brutto (!) pro Stunde abgespeist und hat keine Chance mehr, den jeweiligen Verdienst durch Eigeninitiative zu steigern. Mehr noch: Anstatt wie bisher Schichten von 12 Stunden zu fahren und dabei die Pausen selbst bestimmen zu dürfen, bekommen die Fahrer nun ein enges Regelungskorsett übergestülpt: Schichten mit max. 10 Stunden, genau vorgeschriebene Pausenzeiten, maximal an sechs Tagen die Woche.

Volle Kontrolle, enges Korsett

Ergänzt wird all das durch den sogenannten Fiskaltaxameter, durch den die Behörden die volle Kontrolle über die jeweiligen Umsätze haben werden. Diese Umstellung und die gesamte VERWALTUNG des Mindestlohns werde verglichen mit dem jetzigen System viel aufwändiger und deshalb teurer – also müssen die Gäste auch mehr zahlen.

Gegen den Fiskaltaxameter habe er nichts, meinte mein Fahrer. Wohl aber gegen den Mindestlohn, der ihn nicht nur Geld, sondern auch Bewegungsfreiheit kosten werde. Bisher hätte er vor dem Urlaub einfach mal ein paar Wochen „rangeklotzt“ – das sei dann nicht mehr möglich. Genau wie es auch nicht mehr interessant sein werde, für mehr als den Mindestumsatz zu sorgen, der grade so den Mindestlohn abdecke.

Das Taxi fahren wird also ganz schön langweilig, denn es gibt keinen Anreiz mehr, nach Kunden zu suchen.

Und die Politik? Die Taxi-Verbände (von denen es vier gebe) seien bei Nahles gewesen und hätten vorgetragen, dass der Mindestlohn für die Taxibranche nicht so wirklich passt. Erfolglos bisher – und ein richtiger Widerstand von Seiten der Fahrer sei auch nicht zu erwarten, da „die Verbände einfach gar nichts machen“.

Tja – vielleicht wachen sie ja auf, wenn der Umsatz dann einbricht. Weil es den Gästen in Berlin zu teuer wird und für die Fahrer zu öde.

Eine Reaktion zu “Berlin: Mindestlohn macht Taxis teurer, Fahrer bekommen weniger Geld und mehr Langeweile”

  1. Aro

    Hallo Claudia,
    die Preis steigen um rund 14 Prozent. Genau kann man das nicht sagen, weil sich der Fahrpreis ja in mehrere Teile aufsplittet (Einsteigegebühr, Kilometerpreis, Wartezeit, Kurzstrecke). Auf jeden Fall werden die Fahrgäste es merken. Ein Kollege hat es mal aufgeschrieben: http://is.gd/ZsZLuW

    Was den Mindestlohn betrifft, da kenne ich (Taxifahrer) keinen einzigen Kollegen, der den bezahlt kriegt. Stattdessen läuft es weiterhin allein über die Umsätze. Kein Umsatz = kein Verdienst. Auch ich hab manchmal Tage, in denen der Verdienst höher als 8,50 EUR/Stunde ist, allerdings nicht öfter als 1 bis 2 mal im Monat. Aber auch in Zukunft werde ich dann mehr als die 8,50 bekommen, schließlich geht es ja um einen MINDESTumsatz, nich um ein Festgehalt.

    Die eigentliche Sauerei ist, dass die meisten Unternehmer jetzt die Wartezeit am Taxistand nicht mehr als Arbeitszeit berechnen – und somit nicht bezahlen. Da nützt auch der Mindestlohn nichts, wenn er nur noch die Hälfte der Arbeitszeit bezahlt wird. Natürlich ist das Warten auch Arbeitszeit. Ich kann nicht einfach ins nächste Café gehen oder ins Geschäft, sondern muss warten – um das Auto weiter nach vorn zu fahren, um Funkaufträge anzunehmen oder eben auf Fahrgäste.

    Das mit dem Fiskaltaxameter ist in Ordnung. Viele Unternehmer bescheißen eh zu viel und letztendlich sind das sichere Daten, wenn man seinen Lohn einklagen will. Dass die Behörden, also das Finanzamt, dadurch einen genauen Einblick in Umsätze kriegt, ist doch ok. Meine Erfahrung nach 16 Jahren im Gewerbe ist, dass es die betrügerische Unternehmer auch ihre Angestellten übers Ohr hauen.

Modersohnbrücke
folge uns auf Twitter!

..oder abboniere den Newsfeed Newsfeed zum MoMag