31. Januar 2009
Ja, er will wieder antreten – ich hatte im Oktober darüber berichtet. Ob er es nochmal schafft? Daran zweifle ich nicht, denn wer kennt hier schon seine Gegenkandidaten Björn Böhning (SPD), Halina Wawzyniak (Linke) und Vera Lengsfeld (CDU)? Ja sicher, die parteipolitisch Aktiven werden sie gewiss kennen, doch Christian Ströbele kennt eben jeder.
Der “Lobbyist für die Bürger” und ewig erfolgreiche Direktkandidat im Wahlkreis “Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost” ist jetzt 69, denkt aber nicht ans aufhören. Das verstehe ich, denn ich kann mir auch nicht vorstellen, mit meiner Arbeit irgendwann mal einfach aufzuhören. Das wäre wie freiwillig hinlegen zum Sterben.
Deja Vu
Allerdings bin ich auch froh, dass es nicht die aktive Politik ist, die mich in den Sarg begleiten wird. Das wäre mir heute zu stressig (und unbefriedigend). Zwischen 26 bis 36 war es dagegen wundervoll: damals im Sanierungsgebiet Chamissoplatz Anfang der wilden 80ger. Nach Friedrichshain bin ich viele Jahre später gezogen, von einem Zwischenspiel in Mecklenburg nach Berlin zurückgekehrt: die Gerüste vor den Fassaden gaben mir so ein anheimelndes Gefühl, wenn ich drunter durch ging. Es sah fast genauso aus wie im Chamissokiez vor und während der Sanierung. Und alles, was ich dann von dem wahrnahm, was hier in Sachen “Stadtgestaltung” so abgegangen war, kam mir vor wie schon mal selber erlebt – diesselben Fraktionierungen und Grüppchen, sogar das Outfit der “radikal Autonomen” hatte sich nicht geändert.
Wie schön, da nur noch Zuschauerin zu sein. Eine, die schon mal eine Meinung hat, aber heute einfach wegziehen würde, wenn es ihr hier nicht mehr gefällt. Danach sieht es aber nicht aus, Friedrichshain ist eher hübscher geworden seit den 90gern, gemischter. (Türkische Immigranten vermisse ich als Alt-Kreuzbergerin allerdings immer noch!) Gegen helle Fassaden hab’ ich nichts, gute Streetart gefällt mir, das allüberall die Wände verunzierende Geschmiere weniger. Und Autos anzünden finde ich voll daneben.
So ist es eben, das alt werden.
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3. Januar 2009
Es ist kalt in Berlin. Der Typ in der U7, Hermannplatz Richtung Neukölln, trägt Turnschuhe, Jeans und eine dünne Kapuzenjacke. Keinen Schal, keine Handschuhe. Doch er hat eine Mütze mit Klappohren dran auf. So eine, die auch für den russischen Winter taugt.
Der Typ sitzt allein da, in einer der buntgepolsterten Viererecken. Die Bahn ist am frühen Nachmittag nicht allzu voll. Vornübergebeugt starrt der Mann auf seine Bierflasche. Er dreht sie hin und her in der Hand, hält sie sich direkt vors Gesicht, dann wieder etwas weiter weg. Trinkt aber nicht. Er sieht nachdenklich aus, beinah melancholisch. Schwermütig. So wie es eben ist, in Berlin, im Winter.
Dann stellt der Mann die Flasche plötzlich zur Seite und wühlt in seinen Jackentaschen. Er fördert ein Brillenetui hervor und daraus eine Brille mit Goldrand. Ungeschickt schiebt er sie sich ins Gesicht. Umständlich, wegen der hinderlichen Mützenohren. Mehrfach versucht der Typ, die Dinger nach oben zu klappen. Was aber auf Anhieb nicht gelingen will. Der Vorgang dauert eine ganze Weile.
Schließlich ist es geschafft. Sofort greift sich der Mann wieder die Bierflasche. Um sie nun, mit Lesebrille bewaffnet, endlich eingehend studieren zu können.
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22. Dezember 2008
In den frühen 80ern, als Berlin noch geteilt und die Westhälfte eine wohldefinierte Insel war, traf ich irgendwo in Süddeutschland auf den allerersten waschechten Berlinermeines Lebens. Dieser hatte die Stadt nach etwa 30 Lebensjahren in Richtung Westen verlassen, angestrengt von der Enge, der Ausweglosigkeit und getrieben von einem Drang nach Freihheit. So zumindest habe ich ihn damals verstanden. Andere haben seinerzeit dasselbe Spielchen exakt umgekehrt betreiben, ich weiß. Er aber fuhr auf seiner alten BWM immer weiter, bis nach Kalinfornien, soweit ich mich erinnere.
Inselkoller! So dachte ich damals.
Doch auch heute noch habe ich den Eindruck, daß Berlin insbesondere eingefleischten Berlinern immer wieder eine kleine Flucht wert ist. Einfach mal raus, gerne bis ans Meer, das ist kein Problem. Das geht ja nun, seit einigen Jahren schon. Aber woher kommt das nur, diese Stadtflucht? Diese plötzliche Sehnsucht nach Luft, nach Weite und Land? Wo Berlin doch eine der angenehmsten Großstädte überhaut ist. Viel Grün, überall, massenhaft Bäume, und besonders viel Lärm ist ebenfalls eher nicht zu vermelden.
Aber vielleicht muß ich noch ein paar Jährchen Berlin hinter mich bringen, ehe ich diese Vorgänge nachvollziehen kann.
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30. November 2008
So, November, du alter Mann. Jetzt ist es vorbei mit dir. Jetzt mußt du gehen, aber schnell. Verzieh dich!
Ich dagegen bleibe hier. In dieser Stadt, in der es bald Winter wird. Oder vielleicht schon ist, endlich. Ein Himmel, so hoch wie in den hellen Sommernächten. Sternenklar, das wünsche ich mir. Auch wenn das kaum je möglich ist. Aber beißende Winde, klirrende Lichter und Schnee. Sibirien in den Straßen von Berlin.
Bald wird es dunkel sein, Tag für Tag, diese ewig scheinende Nacht. Bis dann der Frühling wieder. Endlich.
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5. November 2008
Die Kassiererin weigert sich, die zwei Flaschen Bier über den Scanner zu ziehen. Statt dessen fragt sie nach einem Ausweis.
Empört erklärt das Mädel, daß sich dieser zu Hause befände, sie aber zwei Kinder habe und außerdem schwanger sei. Wie zur Bekräftigung reißt sie den Reißverschluß ihrer Kapuzenjacke herunter und zeigt auf ihren Kugelbauch. Daraufhin drückt die Kassiererin ein Auge zu.
Einmal, sagt sie laut. Und dann nur noch mit Ausweis.
Das Mädel zuckt mit den Achseln. Genervt. Wer ficken kann, darf auch saufen.
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30. Oktober 2008
Er ist nicht mehr klein, keine vier oder sechs zumindest. Er ist mindestens zehn, vielleicht sogar elf. Ganz allein latscht er den Bürgersteig entlang, direkt auf mich zu. Gelangweilt, wie man sich einen typischen Türkenjungen vorstellt. Kurzgeschorene Haare, billige Klamotten. Kein Blick für die Welt.
Plötzlich legt der Junge den Kopf in den Nacken und breitet die Arme aus. Dann dreht sich sieben- bis zwölfmal um sich selbst, läßt die Arme fliegen, wie seine Jackenzipfel.
“Sterne”, singt er als er schließlich weiterstolpert, knapp an mir vorbei. “Ich seh Sterne.”
Nach einer Weile drehe ich mich noch einmal um. Da dreht sich der Kerl gerade schon wieder. Und singt.
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