Vom Charme unaufgeräumter Orte
Ein Grund, warum ich mir nach 20 Jahren Kreuzberg und zwei Jahren Stadtflucht in Mecklenburg nun Friedrichshain als Wohnort aussuchte, war der morbide Charme seiner “unaufgeräumten Ort”. Die Viertel zwischen Frankfurter Allee und der Spree erinnerten mich an das Kreuzberg der wilden 80ger Jahre. Ich fühlte mich heimisch beim Anblick der Gerüste vor vielen Häuserfassaden und genoß die Spaziergänge Richtung Stralau und Rummelsburger Bucht, wo es noch viele ungestaltete Plätze gab, die mir in fußläufiger Entfernung wahre Erholung schenkten: viel sich selbst überlassenes Grün, Brachland und große alte Backsteinbauten, die lang schon niemand mehr nutzte.
Die Verwilderung, die eintritt, wenn der Mensch mit so mancher Räumlichkeit nichts mehr anzufangen weiß, befreit den Geist und entspannt das Gemüt. Wo niemand mehr “Ordnung schafft” fühlt man sich entlastet und frei. Die Abwesenheit jeglicher Nutzungen, das “dräuende Nichts” bevor Investoren und Stadtgestalter zuschlagen, macht den Charme solcher “unaufgeräumter Orte” aus, von denen Berlin einmal viel zu bieten hatte.
Heute ist davon leider nicht mehr viel übrig. In meiner Gegend kann man nur noch ein einziges Areal als “wild und ungeordnet” erleben: das Gelände der alten Glasfabrik am oberen Ende der Halbinsel Stralau. Wie ich gelesen habe, stehen die alten Fabrikgebäude unter Denkmalschutz.

Aber man wartet auch auf Investoren, will mitten im familienfreundlichen Edel-Wohngebiet “Gewerbe ansiedeln”, und sogar ein Parkhaus ist in Planung, obwohl bereits jetzt Mietparkplätze leer stehen. Vielleicht weiß ja jemand Genaueres über das, was da werden soll?
(diese Bilder zeigen bei Mausklick mehr!)







Am 27. Juli 2006 um 14:41 Uhr
Das Gebiet ist als Gewerbegelände ausgewiesen und die Wasserstadt GmbH hätte da auch gerne Investoren, aber es gibt keine Interessenten.
In naher Zukunft wird das vermutlich so bleiben, weil es in Berlin genug Leerstand gibt.
Was in mittlerer oder ferner Zukunft geschieht, kann im Moment wohl niemand sagen.
Gerüchteweise hört man, daß es beim Baustadtrat offene Ohren gibt, falls sich jemand mit einer kulturellen Zwischennutzung findet. Aber auch das Interesse daran scheint nicht so hoch zu sein.
Am 28. Juli 2006 um 10:59 Uhr
C H A R M E …
‘Die Verwilderung,…. befreit den Geist und entspannt das Gemüt. Wo niemand mehr “Ordnung schafft” fühlt man sich entlastet und frei.’
ordnung ist das prinzip der unkreativen. wie ich dieses ‘verwildern’- im doppelten sinne - um mich herum, in mir, züchte und dann doch von zeit zu zeit nicht aushalten kann. ordnungschaffen - nach welchem prinzip, dass es die eigenen ideen und gedanken nicht lähmt. die äussere ordnung, die viele menschen als lebensprinzip wählen, verheisst nicht gleichzeitige innere ordnung. für die innere ordnung nehme ich schon einige anstrengungen inkauf, die äussere lasse ich gern erst ‘auflaufen’, damit ich darüber stolpere.
mir gefallen auch solche ‘verwilderte’ gegenden.
du schaffst es noch, claudia, dass ich mir dieses berlin bald mal näher anschaue…
auf bald
rosadora
Am 30. Juli 2006 um 13:40 Uhr
als kind war ich manchmal bei der tante in uster, einem vorort von zürich. die stärkste erinnerung ist die an die polierten gesteige, gefliesten hauseingänge und die makellosen vorgärten. heute ist das auch hier fast überall so.
wie schön zu lesen, daß sie sich *dieser* wertschätzung nicht anschließen.
Am 19. August 2007 um 10:32 Uhr
[…] Nachbarland Brandenburg glänzt mit dem längsten Slogan: “Brandenburg. Offen für…Macher und Gründer”, …Ideen und Perspektive”, …Entdecker”. Und Sachsen-Anhalt behauptet locker “Sachsen-Anhalt. Wir stehen früher auf.” Ob das so stimmt? Und ist das ein Grund, stolz zu sein?? Länder, in denen ausgeschlafen werden kann, sind mir irgendwie sympathischer, auch wenn ich selber meist schon vor acht mit dem Tagwerk loslege. Berlin also ohne Werbespruch? Mir fiel sofort das berühmte “arm, aber sexy!” ein. Klar, da würden sich die professionellen Werber und Vermarkter schwer tun, schließlich will man, das Berlin reicher und reicher wird, dass auch hier der letzte “unaufgeräumte Ort” irgend einer ertragreichen Nutzung zugeführt wird, dass die immer zahlreicheren Shopping-Malls sich rentieren und die Bauwirtschaft boomt. Aber noch ist es nicht soweit - und das ist gut so, zumindest, wenn es um die gefühlte Lebensqualität und nicht um den Geldbeutel geht. […]
Am 14. September 2007 um 15:55 Uhr
“Wo niemand mehr “Ordnung schafft” fühlt man sich entlastet und frei.”
Wo alles Müll ist und nichts mehr einem Zweck dient, sieht man endlich wieder hin, anstatt - wie im durchfunktionalisierten, öffentlichen Raum - Hinweisschildern zu folgen und Müll und Werbung zu ignorieren. Verlassene Orte hat Berlin genug, wenn man sie nur sucht.
Am 18. Mai 2008 um 10:18 Uhr
[…] bemerkenswerten Artikel über bemerkenswerte Orte schrieb Daniel Schaub im Abrissblog: “Verschmelzungen” handelt von “Räumen […]