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Claudia Klinger am 27. Juli 2006

Vom Charme unaufgerÀumter Orte

GebĂ€ude auf StralauEin Grund, warum ich mir nach 20 Jahren Kreuzberg und zwei Jahren Stadtflucht in Mecklenburg nun Friedrichshain als Wohnort aussuchte, war der morbide Charme seiner „unaufgerĂ€umten Ort“. Die Viertel zwischen Frankfurter Allee und der Spree erinnerten mich an das Kreuzberg der wilden 80ger Jahre. Ich fĂŒhlte mich heimisch beim Anblick der GerĂŒste vor vielen HĂ€userfassaden und genoß die SpaziergĂ€nge Richtung Stralau und Rummelsburger Bucht, wo es noch viele ungestaltete PlĂ€tze gab, die mir in fußlĂ€ufiger Entfernung wahre Erholung schenkten: viel sich selbst ĂŒberlassenes GrĂŒn, Brachland und große alte Backsteinbauten, die lang schon niemand mehr nutzte.

Die Verwilderung, die eintritt, wenn der Mensch mit so mancher RĂ€umlichkeit nichts mehr anzufangen weiß, befreit den Geist und entspannt das GemĂŒt. Wo niemand mehr „Ordnung schafft“ fĂŒhlt man sich entlastet und frei. Die Abwesenheit jeglicher Nutzungen, das „drĂ€uende Nichts“ bevor Investoren und Stadtgestalter zuschlagen, macht den Charme solcher „unaufgerĂ€umter Orte“ aus, von denen Berlin einmal viel zu bieten hatte.

Heute ist davon leider nicht mehr viel ĂŒbrig. In meiner Gegend kann man nur noch ein einziges Areal als „wild und ungeordnet“ erleben: das GelĂ€nde der alten Glasfabrik am oberen Ende der Halbinsel Stralau. Wie ich gelesen habe, stehen die alten FabrikgebĂ€ude unter Denkmalschutz.

GebÀude auf Stralau

Aber man wartet auch auf Investoren, will mitten im familienfreundlichen Edel-Wohngebiet „Gewerbe ansiedeln“, und sogar ein Parkhaus ist in Planung, obwohl bereits jetzt MietparkplĂ€tze leer stehen. Vielleicht weiß ja jemand Genaueres ĂŒber das, was da werden soll?

altes GlasfabrikggebÀude auf Stralau altes GlasfabrikggebÀude auf Stralau altes GlasfabrikggebÀude auf Stralau

(diese Bilder zeigen bei Mausklick mehr!)

6 Reaktionen zu “Vom Charme unaufgerĂ€umter Orte”

  1. stralau

    Das Gebiet ist als GewerbegelÀnde ausgewiesen und die Wasserstadt GmbH hÀtte da auch gerne Investoren, aber es gibt keine Interessenten.

    In naher Zukunft wird das vermutlich so bleiben, weil es in Berlin genug Leerstand gibt.

    Was in mittlerer oder ferner Zukunft geschieht, kann im Moment wohl niemand sagen.

    GerĂŒchteweise hört man, daß es beim Baustadtrat offene Ohren gibt, falls sich jemand mit einer kulturellen Zwischennutzung findet. Aber auch das Interesse daran scheint nicht so hoch zu sein.

  2. rosadora

    C H A R M E …

    ‚Die Verwilderung,…. befreit den Geist und entspannt das GemĂŒt. Wo niemand mehr “Ordnung schafft” fĂŒhlt man sich entlastet und frei.‘

    ordnung ist das prinzip der unkreativen. wie ich dieses ‚verwildern‘- im doppelten sinne – um mich herum, in mir, zĂŒchte und dann doch von zeit zu zeit nicht aushalten kann. ordnungschaffen – nach welchem prinzip, dass es die eigenen ideen und gedanken nicht lĂ€hmt. die Ă€ussere ordnung, die viele menschen als lebensprinzip wĂ€hlen, verheisst nicht gleichzeitige innere ordnung. fĂŒr die innere ordnung nehme ich schon einige anstrengungen inkauf, die Ă€ussere lasse ich gern erst ‚auflaufen‘, damit ich darĂŒber stolpere.
    mir gefallen auch solche ‚verwilderte‘ gegenden.
    du schaffst es noch, claudia, dass ich mir dieses berlin bald mal nĂ€her anschaue…

    auf bald
    rosadora

  3. typ.o

    als kind war ich manchmal bei der tante in uster, einem vorort von zĂŒrich. die stĂ€rkste erinnerung ist die an die polierten gesteige, gefliesten hauseingĂ€nge und die makellosen vorgĂ€rten. heute ist das auch hier fast ĂŒberall so.

    wie schön zu lesen, daß sie sich *dieser* wertschĂ€tzung nicht anschließen.

  4. S.B.

    „Wo niemand mehr “Ordnung schafft” fĂŒhlt man sich entlastet und frei.“

    Wo alles MĂŒll ist und nichts mehr einem Zweck dient, sieht man endlich wieder hin, anstatt – wie im durchfunktionalisierten, öffentlichen Raum – Hinweisschildern zu folgen und MĂŒll und Werbung zu ignorieren. Verlassene Orte hat Berlin genug, wenn man sie nur sucht.

  5. Raum- und Zeitschiffe: Über verfallende GebĂ€ude

    […] bemerkenswerten Artikel über bemerkenswerte Orte schrieb Daniel Schaub im Abrissblog: “Verschmelzungen” handelt von “Räumen […]

  6. Andre

    Tja, da hat sich einiges getan in letzter Zeit. Ist nĂ€mlich ne große Baustelle entstanden und es entstehen ne Menge neuer Wohungen usw. Ein Teil der GebĂ€ude steht aber auch noch genau so da.
    Stand: August 2011

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