Vom Charme unaufgeräumter Orte

Gebäude auf StralauEin Grund, warum ich mir nach 20 Jahren Kreuzberg und zwei Jahren Stadtflucht in Mecklenburg nun Friedrichshain als Wohnort aussuchte, war der morbide Charme seiner „unaufgeräumten Ort“. Die Viertel zwischen Frankfurter Allee und der Spree erinnerten mich an das Kreuzberg der wilden 80ger Jahre. Ich fühlte mich heimisch beim Anblick der Gerüste vor vielen Häuserfassaden und genoß die Spaziergänge Richtung Stralau und Rummelsburger Bucht, wo es noch viele ungestaltete Plätze gab, die mir in fußläufiger Entfernung wahre Erholung schenkten: viel sich selbst überlassenes Grün, Brachland und große alte Backsteinbauten, die lang schon niemand mehr nutzte.

Die Verwilderung, die eintritt, wenn der Mensch mit so mancher Räumlichkeit nichts mehr anzufangen weiß, befreit den Geist und entspannt das Gemüt. Wo niemand mehr „Ordnung schafft“ fühlt man sich entlastet und frei. Die Abwesenheit jeglicher Nutzungen, das „dräuende Nichts“ bevor Investoren und Stadtgestalter zuschlagen, macht den Charme solcher „unaufgeräumter Orte“ aus, von denen Berlin einmal viel zu bieten hatte.

Heute ist davon leider nicht mehr viel übrig. In meiner Gegend kann man nur noch ein einziges Areal als „wild und ungeordnet“ erleben: das Gelände der alten Glasfabrik am oberen Ende der Halbinsel Stralau. Wie ich gelesen habe, stehen die alten Fabrikgebäude unter Denkmalschutz.

Gebäude auf Stralau

Aber man wartet auch auf Investoren, will mitten im familienfreundlichen Edel-Wohngebiet „Gewerbe ansiedeln“, und sogar ein Parkhaus ist in Planung, obwohl bereits jetzt Mietparkplätze leer stehen. Vielleicht weiß ja jemand Genaueres über das, was da werden soll?

altes Glasfabrikggebäude auf Stralau altes Glasfabrikggebäude auf Stralau altes Glasfabrikggebäude auf Stralau

(diese Bilder zeigen bei Mausklick mehr!)

Diesen Artikel teilen:
ClaudiaBerlin

Autor: ClaudiaBerlin

Du kannst dem MoMag auf Twitter folgen. Oder meine anderen Blogs besuchen... :-)

6 Kommentare

  1. Das Gebiet ist als Gewerbegelände ausgewiesen und die Wasserstadt GmbH hätte da auch gerne Investoren, aber es gibt keine Interessenten.

    In naher Zukunft wird das vermutlich so bleiben, weil es in Berlin genug Leerstand gibt.

    Was in mittlerer oder ferner Zukunft geschieht, kann im Moment wohl niemand sagen.

    Gerüchteweise hört man, daß es beim Baustadtrat offene Ohren gibt, falls sich jemand mit einer kulturellen Zwischennutzung findet. Aber auch das Interesse daran scheint nicht so hoch zu sein.

  2. C H A R M E …

    ‚Die Verwilderung,…. befreit den Geist und entspannt das Gemüt. Wo niemand mehr “Ordnung schafft” fühlt man sich entlastet und frei.‘

    ordnung ist das prinzip der unkreativen. wie ich dieses ‚verwildern‘- im doppelten sinne – um mich herum, in mir, züchte und dann doch von zeit zu zeit nicht aushalten kann. ordnungschaffen – nach welchem prinzip, dass es die eigenen ideen und gedanken nicht lähmt. die äussere ordnung, die viele menschen als lebensprinzip wählen, verheisst nicht gleichzeitige innere ordnung. für die innere ordnung nehme ich schon einige anstrengungen inkauf, die äussere lasse ich gern erst ‚auflaufen‘, damit ich darüber stolpere.
    mir gefallen auch solche ‚verwilderte‘ gegenden.
    du schaffst es noch, claudia, dass ich mir dieses berlin bald mal näher anschaue…

    auf bald
    rosadora

  3. als kind war ich manchmal bei der tante in uster, einem vorort von zürich. die stärkste erinnerung ist die an die polierten gesteige, gefliesten hauseingänge und die makellosen vorgärten. heute ist das auch hier fast überall so.

    wie schön zu lesen, daß sie sich *dieser* wertschätzung nicht anschließen.

  4. „Wo niemand mehr “Ordnung schafft” fühlt man sich entlastet und frei.“

    Wo alles Müll ist und nichts mehr einem Zweck dient, sieht man endlich wieder hin, anstatt – wie im durchfunktionalisierten, öffentlichen Raum – Hinweisschildern zu folgen und Müll und Werbung zu ignorieren. Verlassene Orte hat Berlin genug, wenn man sie nur sucht.

  5. Pingback: Raum- und Zeitschiffe: Über verfallende Gebäude

  6. Tja, da hat sich einiges getan in letzter Zeit. Ist nämlich ne große Baustelle entstanden und es entstehen ne Menge neuer Wohungen usw. Ein Teil der Gebäude steht aber auch noch genau so da.
    Stand: August 2011


Hinweis: Links zu kommerziellen Seiten werden gelöscht. Auch "Testseiten", sogenannte "Ratgeber" und andere reine MFA-Seiten (=gemacht für Anzeigen) fallen darunter.